BRENNENDES PARADIES

Eine Geschichte über die Waldbrände im Amazonas-Gebiet

Text: Anja Schenk  

Lektorat: Katharina Platz

Illustration: Regine Wolff

Taro, der kleine Klammeraffe, springt mit einem Satz auf den nächsten Ast, dicht gefolgt von seiner Schwester Malu. Die grünen Blätter rascheln. 

„Ich bin schneller“, ruft Taro vergnügt über die Schulter. 

Seine Schwester lacht. „Ha, ha! Denkste!“ 

Sie nimmt eine Abkürzung und überholt ihn. Die Eltern beobachten das wilde Rennen ihrer Kinder. Sie baumeln kopfüber an einem Bein. Taro schwingt sich zum nächsten Baum und hangelt ein Stück am wippenden Ast entlang. Er ist das bestgelaunteste Äffchen im ganzen Urwald und immer in Bewegung. Das Zuhause von Taro und seiner Familie sind die hohen Baumkronen im Regenwald. Malu hat keine Lust mehr und knabbert an einer Banane, doch Taro ist nicht zu bremsen. Er balanciert zu seiner Schwester und hopst vor ihr auf und ab, dass der ganze Ast wackelt. Dann hängt er sich mit seinem langen Greifschwanz kopfüber neben Malu. Der Schwanz bewahrt die Klammeraffen wie ein Sicherheitsseil davor, in die Tiefe zu stürzen. Die Luft ist heiß, aber nicht so feucht wie sonst. Seit einigen Tagen riecht es seltsam. Taros Mutter richtet sich auf und reckt das Gesicht in die Luft. 

„Seid vorsichtig, Kinder“, ruft sie. 

Da entdeckt Taro im nächsten Baum eine leckere Frucht und schwingt sich hinüber. Plötzlich wird es dunkel. Viel früher als sonst. Taro wundert sich. Dann riecht er es auch. Er rümpft die Nase. Was stinkt denn hier so? 

Unter ihm knackt und knistert es gefährlich im Holz. Er schaut in die Tiefe und sieht einen Puma wegrennen. Taros Bauch beginnt zu grummeln. Die Affen springen aufgeregt in den Wipfeln umher und stoßen schrille Laute aus. Taro lässt die Frucht fallen und blickt sich nervös um. Der Rauch wird stärker. Er kann kaum noch etwas erkennen. 

Er hört die Stimme seines Vaters inmitten der panischen Affenschreie: „Tarooo!“ 

Zitternd hangelt er sich am Baum entlang. Seine Augen brennen, sein Hals ist trocken. Vor lauter Angst hat er vergessen, in welchem Baum seine Eltern und Malu waren. 

Dann wird es still um ihn herum. Taro hört sein eigenes Keuchen und spürt sein Herz hämmern. Er klettert auf den höchsten Ast und hält mit der Hand an der Stirn Ausschau nach seiner Familie. Doch die ist nirgends zu sehen. Um ihn herum glüht ein orangerotes Lichtermeer. Sein spitzer Schrei geht in den Rauchwolken unter. Es riecht verbrannt. Ein Funken verirrt sich zischend auf seinen Arm. „Autsch!“ Er reibt sich das dunkelbraune Fell. „Wo sind die anderen nur?“, fragt er sich verzweifelt und tritt von einem Bein auf das andere.

„Komm lieber runter“, krächzt Pepe, der Tukan, von unten. 

Er schüttelt den Kopf und von seinem sonst leuchtend gelben Schnabel rieselt graue Asche. „Siehst du, wie die Flammen an den Bäumen hochkriechen?“ 

Ja, Taro sieht es, aber er versteht es nicht. Der Rauch brennt in seinen Augen und in seiner Kehle. Er spürt die sengende Hitze immer näher kommen. Aber er kann doch nicht abhauen ohne seine Eltern und Malu! Wohin sollte er auch gehen? Hier im Paradies, wo die Vögel zwitscherten, Moskitos summten, Papageien plapperten und der Wind durch die Baumkronen strich, ist nur noch ein bedrohliches Zischen und Knacken zu hören. Es scheint, als seien die Bewohner des Urwaldes verstummt. Falls außer ihm und Pepe überhaupt noch jemand hier ist.

„Hier steht bald alles in Flammen. Wir müssen zum Fluss“, sagt der Tukan. Vor dem Fluss haben Taros Eltern ihn immer gewarnt, weil die Fluten einen schnell mitreißen können. Taro kommen die Tränen. 

„Ich will aber nicht weg, hier ist mein Zuhause“, flüstert er. Seine Stimme klingt schon ganz heiser vom Rauch. 

„Wenn das so weitergeht, ist hier bald nichts mehr als Wüste“, prophezeit Pepe mit düsterer Stimme. 

Taro erschrickt. „Keine Bäume mehr, keine Blätter? Was sollen wir dann essen?“

Schweren Herzens klettert das Äffchen den Baum herunter und folgt dem Tukan. Vielleicht wartet am Fluss meine Familie auf mich, hofft Taro. Und vielleicht finden wir dort ein neues Zuhause.